Dies und das. Mal schaun von was


Würli, Max und Felix

Ich wache auf und hoffe, dass das kleine Mädchen von gestern nicht wieder auftauchen wird. Lara ist ein liebes kleines Mädchen, aber das Zimmer, nein da mag ich nicht noch mal hingehen.

Ich merke, dass es mir kalt ist. Der Herbst ist da und ich muss zusehen, dass ich mich in Zukunft tiefer eingrabe. Bald kommt der Winter und dann muss ich unten bleiben. Und da ich nun mal ein Wurm bin, denke ich nicht länger nach und tue das, wozu ich geboren wurde. Ich buddle mich durch die Erde.

„Ein Erdbeben? Was ist das nur?” Im hohen Bogen fliege ich durch die Luft und lande am Boden. Als ich mich einigermaßen gerichtet habe, sehe ich einen riesigen, zotteligen Vierbeiner. Die Menschen nennen es liebevoll Hund. Wie verrückt hatte er mit seinen Pfoten die Erde umgegraben, in der ich grade noch mein Tagwerk verrichten wollte. Der Hund hört gar nicht mehr auf und die Erde fliegt mir um die Ohren. So gut es geht rolle ich mich zusammen und hoffte nicht wieder getroffen zu werden.

Der zottelige Hund kommt mir gefährlich nahe. Seine riesige, schwarze, triefende Nase hat mich erschnüffelt. “Hau bloß ab, du riesiges Etwas!” denke ich verzweifelt. “Tiger, Tiger komm sofort her. Bei Fuß!” höre ich eine tiefe Männerstimme. Tiger dreht sich abrupt um und sieht zu, wie sein Herrchen immer näher kommt. Tiger bellt laut. “Wau” macht es und es vibriert in meinem Körper. Der Hund bellt weiter, da verstehe ich plötzlich sein Bellen. “Ich will spielen, ich will tollen. War viel zu lange im Haus eingesperrt!” bellt der Hund. “Wow, ich verstehe also auch die Hundesprache!” denke ich. „Mal schauen was ich sonst noch so alles kann. Das mit den Genen, wie Opa sagte, scheint ja was ganz besonderes zu sein.“

Der Mann kommt näher und beugte sich zu Tiger. Der wedelt wie verrückt mit seinem Schwanz hin und her. “Du alter Schlawiner du. Schau mal, wie du nur aussiehst! Schüttel dich mal kräftig, damit der Dreck aus dir raus fliegt. So darfst du doch nicht ins Haus!” spricht der Mann mit dem Hund. Tiger schaut ihn an, als würde er jedes Wort verstehen und beginnt sogleich sich kräftig zu schütteln. Dabei schleift sein wuscheliger Schwanz über den Boden und ehe ich mich versehe, hänge ich in Tigers Fell. Ich brauche mich nicht festzuhalten. Das lange Haar fühlt sich filzig an und ich hänge einfach drin fest. Tiger tobt noch eine Weile hin und her, und es fühlt sich an, als wäre ich auf einem Karussell aber es macht Spaß. Als Tiger müde wird, trottet er hinter seinem Menschen her. Ich habe mich inzwischen bis hinter sein linkes Ohr vorgearbeitet und habe von dort eine tolle Aussicht.

Ich erblicke eine riesige Wiese mit verschiedenen Blumen. Sie ist bunt und durch die hellen Sonnenstrahlen erscheint sie golden. Es ist ein wunderschöner Anblick. Die Wiese scheint im Himmel zu enden. Dass die Welt so riesen groß ist, wird mir jetzt erst klar. Oh, was es da alles zu entdecken gibt. Neugierig schaue ich mich um während ich hin und her geschaukelt werde. Das ist schön und im Fell des Hundes ist es schön warm.

Ein großer Kasten kommt näher. Ich erinnere mich, dass Opa von Häusern gesprochen hat. Von vielen und riesigen Häusern. Das scheint ein Bauernhof zu sein. Es wird laut und viele verschiedene Stimmen machen es mir schwer alles zu verstehen. Ich versuche es bald gar nicht mehr zu verstehen. Schweine, Ziegen, Pferde, Hühner machen einen wahnsinnigen Lärm in meinen Ohren. „Hühner, ach du meine Güte! Ich muss aufpassen, dass die mir nicht zu nahe kommen!” denke ich. Opa hatte mich vor Hühnern gewarnt. „Die fressen mit Vorliebe Würmer, wie wir welche sind. Also wenn du je ein Huhn siehst, sieh zu , dass du fort kommst!” ,diese Worte klingen in meinen Ohren, während ich noch aus sicherer Entfernung die Hühner betrachten kann. Oh je, so viele Hühner!” Doch Tiger nährt sich nicht den Hühnern, er macht einen Schwenk nach rechts und läuft durch eine Türe direkt auf einen kleinen Jungen zu.

“Tiger! Du bist ja voll matschig. Da müssen wir wohl gleich mal ein Bad nehmen!” sagte der Junge, der sich vor den Hund kniet und dabei sein Fell krault. „Wuff” machte Tiger und meinte „Oh nein!” Er schießt wie eine Rakete aus dem Zimmer raus auf den Hof und in die Scheune. Dort schüttelt und rüttelt er sich, so dass ich aus seinem Fell falle. Gott sei Dank, denn er setzte sich auf seinen dicken Hintern und beginnt genüsslich mit der Pfote hinter seinem Ohr zu kratzen. Aus sicherer Entfernung beobachte ich Tiger. „Glück gehabt” denke ich. Plötzlich ist die riesige Nase wieder vor mir.

„Wer bist du denn?” denkt der Hund. „Ich? Ich bin das Würli! Woland Ü…., ach einfach Würli!” schicke ich ihm meine Gedanken. „Wo kommst du denn her?” „Aus einem Pflanzenkübel!” „Wuff, wuff” macht er, was so viel heißen sollt, was ich denn auf dem Hof will. „Ich weiß es nicht. Ich bin einfach hier. Du hast mich mitgebracht in deinem Fell hinter deinem Ohr!” antworte ich ihm. „Ach deshalb hat es so in meinem Fell gejuckt!” lacht Tiger. „Tiger, Tiger nun komm schon her” ruft der kleine Junge. „Ich komm gleich wieder. Ich muss mal kurz zu Felix. So heißt das Menschenkind da vorne. Nettes Kerlchen und ist immer ganz lieb zu mir!” mit den Worten hat sich Tiger erst mal verabschiedet und trottet davon.

Ich rolle mich zusammen. Durch das Scheunentor kann ich beobachten, wie Tiger mit einem Schlauch abgespritzt wird. Sein Fell ist jetzt voller weißer Blubberbläschen und er bekommt nochmal eine kräftige Dusche. Tiger findet das gar nicht lustig. Felix aber schon. Er lacht und scherzt mit Tiger und nimmt ihn immer wieder fest in die Arme. Als Felix das Wasser abstellt, schüttelt sich Tiger nochmals kräftig und Felix bekommt die ganze Ladung ab. Doch der lacht nur.

„Felix?! Felix komm bitte rein und hilf kurz mal deinem Bruder!” höre ich eine Frauenstimme. “Der Max kann das auch alleine!” ruft Felix, trottet aber doch ins Haus. Tiger wälzt sich wieder im Dreck und gesellt sich wieder zu mir.

„So geht das jeden Tag. Jeden Tag wollen sie mich sauber haben.“ stöhnt Tiger. „Ich lass sie, sie haben Freude daran, und ich bin froh das ich hier auf dem Bauernhof leben kann!” erklärt mir Tiger. „Sie haben mich aus einem Tierheim geholt. Das Tierheim war zwar ganz nett, aber hier ist es einfach herrlich für mich. Früher, ja früher, da war ich bei einem alten Mann. Der hatte mich angekettet und mich jeden Tag geschlagen. Immer und immer wieder. Ich konnte nichts machen, wenn ich ihn an geknurrt habe, hat er nur um so fester zugeschlagen. Hier schlägt man mich nicht. Hier sind alle nett zu mir und sie kämmen mir das Fell, wenn es zu arg zottelig geworden ist. Wirst sehen, gleich kommt der Max und kämmt mir mein Fell, bis es glänzt.” kaum hat Tiger zu Ende gedacht, kommt Max um die Ecke mit einem riesigen Ding, das gefährlich aussieht.

Kann aber kaum gefährlich sein, denn Tiger gibt ein wohliges Knurren von sich. Er genießt das Kämmen und die liebevollen Umarmungen von Max sichtlich. Max kämmt und kämmt und schaut sich zwischendurch um. Plötzlich bleibt sein Blick an mir hängen. Da er so lieb mit Tiger ist, habe ich keine Angst vor ihm. Max legt die Bürste weg und nimmt mich in die Hand. So wie ich es ja inzwischen gewohnt bin, lande ich mal wieder in einem Glas. “Hoffentlich verlässt mich mein Glück nicht, und ich komm hier wieder raus!” denke ich.

“Keine Sorge Wurm. Ich tue dich später wieder in die Erde. Aber ich finde, du scheinst etwas Besonderes zu sein” denkt Max. Wie selbstverständlich unterhalten wir uns über unseren Gedankentausch. “Du siehst echt toll aus. So schön bunt!”, mit diesen Gedanken stellt er mich auf einen Schreibtisch, wo auch dieser Kasten steht, den die Menschen Laptop nennen. Felix kommt ins Zimmer gerannt und schmeißt seine Schultasche in die Ecke. „Was hast du denn da im Glas!” fragt er Max. „Finger weg. Das ist meiner!” raunzt Max Felix an. Felix staunt nicht schlecht und starrt mich an. Ich starre zurück. „Max, der Wurm schaut mich an!” sagt Felix und kann den Blick nicht von mir abwenden. „Quatsch!” meint Max. „Doch, komm her! Der schaut mich an!” flüstert Felix und zerrt an Max Arm, damit er sich das ansieht.

“Hallo ihr Beiden!” denke ich angestrengt in der Hoffnung,dass es diesmal wieder klappt. Die beiden stoßen fast mit ihren Köpfen zusammen und starren wieder durch das Glas. “Hallo ihr Beiden!” diesmal muss ich mich mit dem Denken nicht anstrengen, denn ich sehe, dass die beiden mich verstehen. Wieder schrecken sie zurück und diesmal stoßen sie sich die Köpfe. Beide sitzen vor dem Glas und reiben sich die Stelle am Kopf, an der sie zusammen geknallt sind.

“Wollt ihr euch die Köpfe einschlagen? Das wäre aber echt schlecht für mich. Denn ich muss hier wieder raus!” sage ich. “Max, der redet mit uns!” flüstert Felix “Felix, der redet mit uns!” sagt Max zeitgleich.

“Ihr seid mir ja komische Typen. Hallo, ich heiße Würli. Woland Ürban Rasmus Lima Ima! Abgekürzt, einfach Würli!” Die beiden haben sich gefangen und Max antwortet: “Tach, ich bin Max und das ist mein großer Bruder Felix. Wieso kannst du sprechen? Ich kann das gar nicht glauben, dass du sprechen kannst!”

Ich spreche ja auch nicht wirklich, sondern ich denke. Keine Ahnung, liegt wohl an den Genen!” antworte ich. “An was!” fragt Max. “An den Genen, haste doch gehört!” sagt Felix. Max versteht nur Bahnhof. Aber da Felix es wohl versteht, fragt er auch nicht weiter nach. Ist ja auch egal, wieso. Es ist einfach toll sich mit so einem Wurm zu unterhalten, findet er. Ich rede weiter. „Wenn ihr mich aber nicht bald aus dem Glas wieder raus lasst, dann rede ich nicht mehr lange. Dann bin ich bald wohl tot !” Verdutzt sehen sich die Beiden an. „Na logisch lassen wir dich wieder raus!” Felix hat das Wort ergriffen und weiß, dass Max genauso denkt. “Aber weißt du Würli, es wird Winter und die Winter sind hier sehr kalt. Ich habe Angst, dass du da draußen erfrierst. Ich mache mich mal im Internet schlau, wie wir dir über den Winter helfen können!” mit den Worten steht Felix auf und marschiert zu seinem Laptop. Max schaut mich einfach nur an und lächelt.

„Haltet mir bloß die Hühner vom Leib!” denke ich besorgt. “Klar passen wir auf. Brauchst keine Angst vor den Hühnern zu haben!” sagt Max laut. “Was?” fragte Felix. “Würli hat Angst vor den Hühnern. Er könnte von ihnen gefressen werden.” ,erklärt Max. Felix kniet sich wieder vor das Glas und erzählt mir:” Also Würli. Ich kann einfach nichts finden über Würmer deiner Art. Außer über Regenwürmer. Aber was ich nun weiß ist, du brauchst zum Überwintern viel Erde, weil das deine Nahrung zu sein scheint. Ich mach dir ein Heim für den Winter und im Frühjahr setzen wir dich wieder auf die Wiese abseits vom Hof aus. Damit die Hühner dich nicht finden!” “Hört sich gut an. Ich bin in den nächsten Monate sicher aufgehoben! Ja, das ist eine gute Idee!” antworte ich ihm. Max und Felix rennen aus dem Zimmer. Als ich schon denke, die beiden hätten mich vergessen, kommen sie mit einem riesigen, großen durchsichtigen Kasten ins Zimmer. Dann verschwinden sie wieder. Ein paar Minuten später kommen beide mit einem schweren Eimer und schütten den Inhalt in das riesige Gefäß. Sie legen noch ein paar alte Holzstücke und Laub hinein. Dann nimmt Felix mich vorsichtig aus dem Glas und setzt mich in das riesige Ding.

“Das ist ein Aquarium. Und dein neues Zuhause für ein paar Monate!” lacht er mich an. “Schöööööööööööööööön!” sage ich. Ich beginne mich sofort durch die Erde zu fressen. “Hmmmm, schmeckt das gut!” Ich hatte ganz vergessen, wie lecker frische Muttererde schmeckt. Es kommen viele Kinder, die mich bewundern. Max und Felix erzählen ihnen aber nicht, dass sie sich mit mir unterhalten können. Sie wollen ja nicht ausgelacht werden. Jeder bestaunt mich, und immer wieder bekomme ich neue, frische Erde und Salatblätter.

Aber dann kommen keine Kinder mehr. Max und Felix kommen auch immer seltener. Sie kommen nur noch, um mir frische Erde zu bringen. Sie sehen so traurig aus. Dann wird die Erde langsam trocken. Langsam verliere ich meine Farben. „Haben die Beiden mich vielleicht vergessen?“ überlege ich. Das hatten sie fast auch, weil sie große Sorgen haben. Die Eltern haben den Bauernhof nur gemietet. Nun will der Besitzer selber ins Haus. Nun würden sie in die Stadt ziehen müssen. Das macht sie sehr traurig. Sie erinnern sich an ihr Versprechen, mich wieder frei zu lassen. “Tut uns leid, das wir dich vernachlässigt haben!” mit den Worten nahm mich Max aus dem Aquarium und trägt mich zu einem Erdhügel. Dort setzt er mich ab. Mit Tränen in den Augen sagt er mir: “Ich hoffe du hast noch ein schönes, langes Leben, Würli! Mitnehmen können wir dich leider nicht. Die neue Wohnung wäre viel zu klein für das große Aquarium!” Dann wendet er sich ab und schlürft ins Haus.

“Wuff” macht es, und ich zucke zusammen. Ich habe lange nicht an Tiger gedacht. Hallo hieß das. Tiger hockt vor mir und fragt mich: “Waren die Jungs gut zu dir? “ “Ja klar!” antworte ich mit einem sorgenvollen Blick in Richtung der Hühner, die nicht weit von dem Erdhügel in der Erde pickten. “Komm, krabbel in mein Fell. Ich bring dich zurück zur Wiese. Da bist du vor den Hühnern sicher!” mit diesen Worten beugt Tiger seinen Kopf so tief, dass ich problemlos hinter sein Ohr kann. So komme ich zurück zu meinem Erdhügel und fresse mich so schnell ich nur kann unter die Erde.

Erstmal will ich ein Nickerchen machen und dann mal darüber nachdenken, wie ich wohl wieder zu meinem Pflanzenkübel kommen kann. Ich roll mich zusammen und schlafe tief und fest ein. Doch das Würli sollte Max und Felix bald wieder sehen. Doch davon ahnte er nichts.