Dies und das. Mal schaun von was


Gnadenlos schleicht die ZEIT

Sie schaut aus dem Fenster. Sie lehnt die heiße Stirn gegen die kühlende Scheibe. Die langen blonden Haare fallen ihr dabei nach vorne und ins Gesicht. Das Fenster ist feucht und sie spürt, wie die Feuchtigkeit in ihre Haare kriecht. Sie werden einen Ton dunkler und kleben an der Scheibe, ziehen sich wie dünne Fäden hin und her, bei der kleinsten Bewegung ihres Kopfes. Sie spielt gedankenverloren mit ihren Haaren, während sie sich danach sehnt, die Luft da draußen zu riechen und zu spüren. Das Fenster lässt sich aber nicht öffnen. Hinter sich hört sie das gleichmäßige Tick Tack eines großen, runden und bunten Plastikweckers. Tick...tack, tick...tack, tick...tack. Es bildet sich eine Träne in ihrem rechten Augenwinkel, löst sich und rinnt die Wange hinab. Mechanisch wischt sie die Tränen fort, die nun unaufhaltsam fließen. Sie starrt auf die menschenleeren Gehwege. Sieht die Bewegung der Zweige der Kastanienbäume, die mit dem leichten Wind zu tanzen scheinen. Der Himmel ist voller schwarzer Wolken, ab und zu schauen ein paar blaue Flecken hindurch, die darauf hindeuten, dass das Wetter sich dem besseren zuwenden wird. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand malt sie kleine Herzen auf die beschlagene Scheibe. Ein feiner Nieselregen lässt die bunten Pflastersteine glänzend schimmern. Regenpfützen bilden sich am Gehwegrand. Tick...tack, tick...tack, tick...tack Sie verspürt den Wunsch hinauszulaufen, in den Pfützen zu springen wie ein kleines Kind. Will auf die Sonne warten, um dann den unvermeidlichen Regenbogen zu bestaunen, der um diese Jahreszeit üblich ist. Sie schaut scheinbar gleichgültig die Türe an. Zuckt mit den Schultern. Die Türe lässt sich nicht öffnen. Die Zeit schleicht dahin. Tick...tack, tick...tack, tick...tack Sie wendet sich vom Fenster ab, sie erträgt die Sehnsucht nicht. Sie schlurft schweren Schrittes und mit krummen Rücken zu ihrem klapprigen Tisch und setzt sich. Stützt ihren Kopf auf die Arme und stiert auf das Karomuster der hässlichen Tischdecke vor ihr. Ihr Kopf ist leer, keine Gedanken mehr, nur dieses ständige: Tick...tack, welches sie noch hört, selbst wenn es eigentlich nicht mehr zu hören sein konnte. Und die Zeit schleicht, schleicht erbarmungslos vorwärts. tick...tack Sie lässt ihren rechten Arm auf den Tisch fallen. Ein dumpfes Geräusch. Ihre Finger krallen sich langsam in die Decke, fassen nach, krallen abermals. Dies wiederholt sie, bis ihre Hände keinen Platz mehr für ein Stück Decke finden, während ihre Handknöchel weiß hervor treten. tick...tack, tick...tack, tick...tack. Das Geräusch macht sie plötzlich nervös. Sie spürt, nein, sie weiß, dass da etwas ist. Etwas auf sie zukommt, etwas geschehen wird. Sie verliert die Kontrolle über ihr Denken und Handeln. Die Zeit schleicht nicht mehr, sie rennt. Einer Zeitbombe gleich, die man so schnell wie möglich entschärfen sollte. tick...tack. Der Tränenschleier um ihre blauen Augen ist einer unverkennbaren Kälte gewichen. Das Lächeln um ihre Mundwinkel, das ihr Gesicht fast engelhaft erscheinen ließ, ist einem harten, bösartigen Zug gewichen. Inzwischen krallen beide Hände, Finger, vormals geschmückt mit langen, gepflegten und lackierten Nägeln, jetzt abgekaut bis ins Nagelfleisch und blutig, in die Tischdecke. Ihr Kopf schnellt in die Höhe, sie stiert an die Decke. Ihre Gedanken wandern rückwärts. Sie sieht ein Bild, eine Szene. "Mama, darf ich das Silberkettchen von Oma heute anhaben? Wir gehen doch heute Morgen in die Friedenskirche. Und Omis Kette hat sooo einen schönen Kreuzanhänger!" bettelte Nadine. Susanne schaute ihre Tochter an und lächelte. "Aber pass gut auf, Schatz. Du weißt, dass sie wertvoll ist. Und sieh mal hier, wo es so ein bisschen blinkt, da ist ein klitzekleiner Brillant, den hat Oma dir extra einarbeiten lassen!" ermahnte sie ihre Tochter. Dabei legte sie ihr das Kettchen vorsichtig um den Hals. Bevor Nadine zur Türe hinauslief, nahm sie das Kind noch einmal in den Arm und drückte sie fest an sich. "Pass auf dem Weg gut auf, ja. Und denk dran um halb 2 bist du zuhause. Nicht bummeln...!" "Och Mami, ich bin doch jetzt schon groß, ich weiß doch schon!" hatte Nadine sie in ihrem Redeschwall unterbrochen. Der Vater kam aus dem Bad, nahm seine Tochter mit Schwung in die Höhe und ließ sie langsam an seinem Körper hinabgleiten. "Bis heute Abend, meine junge Dame!" Galant reichte er ihr bei diesen Worten die Hand und küsste sie auf den Mund. Susanne beobachtet die Szene und fühlt Unmut in sich aufsteigen. Irgendwas missfällt ihr, sie weiß aber nicht was. "Ach was, das ist Spielerei. Du bist nur eifersüchtig, weil er sich bei dir nie soviel Mühe gibt!" versucht sie ihre schlechten Gefühle zu vertreiben. Nadine winkte noch einmal, als sie den Gartenweg, um die Ecke auf den Flutweg entlang läuft. Dann war sie nicht mehr zu sehen. Um halb 2 Uhr kehrte sie nicht aus der Schule zurück. Der Weg vom Flutweg bis zur Brunnenstraße war nicht weit. Eigentlich kurz. tick...tack Es wurde halb drei! tick...tack Es wurde halb fünf! tick...tack Es wurde nach 20 Uhr! tick...tack, tick...tack tick...tack Nadine kam nicht heim! Eine Woche verbrachte Susanne im Zimmer ihrer Tochter. Starr war ihr Blick aus dem Fenster in die Ferne gerichtet. Dabei lauschte sie dem gleichmäßigem Tick...Tack des Kinderweckers in Form einer Micky Maus. Dann fand man Nadine.Im Park, nahe dem Johanniter-Krankenhauses, nur notdürftig mit Laub bedeckt. Der Täter war leichtsinnig gewesen, er hatte viele Spuren hinterlassen und man kam sehr schnell auf den Mörder der kleinen Nadine. Aber sie war schneller. Nur wenig schneller als die Polizei und reagierte. Sie saß in Nadines Zimmer, hörte dem tick...tack des Weckers zu. Ihr Herz raste und pulsierte zunehmend. Als „er heimkam“ hielt sie ihm die dünne Silberkette mit dem kleinen Kreuzanhänger vors Gesicht. Sie hatte es bei der Wäsche in seiner Hosentasche gefunden. Sein Gesichtsausdruck schleuderte ihr die Erkenntnis als Wahrheit ins Gesicht. Er hatte keine Zeit mehr, er konnte nichts mehr sagen, nichts erklären. Sie stach zu. Das gut geschliffene Fleischmesser bohrte sich in sein Herz. Fast erstaunt sah er sie an. Er schrie nicht einmal. Dann grinste er sie widerwärtig an. Sie stach wieder zu und wieder und wieder. Sie lauschte dem tick...tack im Hintergrund. Es lies sie ruhiger werden. Blutüberströmt saß sie vor ihrem toten Ehemann, kaute an ihrem abgebrochenem Daumennagel und hielt in der rechten Hand den Wecker ihrer Tochter. So fanden sie die Polizisten, die nur wenige Minuten später die Türe aufgebrochen hatten. Ein Arzt wurde gerufen, der sich um sie kümmerte. Sie war nicht zu bewegen, den Wecker aus der Hand zu legen. Ich werde es wieder tun, verdammt ich bringe das Schwein um, ich schneid ihm den Schwanz ab, häng ihn auf, stech ihn ab. Ich......!“ schreit sie plötzlich in den Raum, bevor ihr abgemagerter Körper zum wiederholten Mal zusammenbricht, und sie weinend nach ihrer neunjährigen Tochter ruft. In Embryonalhaltung empfängt sie ihre Beruhigungsspritze, denn sie lässt sich nicht dazu bringen, sich aus dieser Haltung heraus zu bewegen. tick...tack, tick...tack, tick...tack Das Ticken der Uhr lässt sie in einen bleiernen, tiefen und traumlosen Schlaf abgleiten. Krampfhaft hält sie den Kinderwecker an ihre Brust gedrückt. Die Beruhigungsspritze bringt die ersehnte Ruhe. Bevor sie einschläft, hört sie die Psychiaterin mit der Schwester flüstern: „Armes Ding. Kann verstehen das sie den Kerl, der ihrer Tochter das angetan hat, erstochen hat. Und dann auch noch Familienangehöriger. Aber es ist ja oft so. Wenn sie doch nur endlich begreifen würde, dass der Kerl schon hinüber ist! Und sie muss diesen verdammten Kinderwecker endlich loslassen.“ Sie schauten aus dem Fenster der Psychatrie und sahen einen wundervoll blauen Himmel in dem ein Regenbogen erschien. Es würde ein wundervoller warmer Tag werden, aber dieses: tick...tack, tick...tack, tick...tack, tick...tack, tick...tack ließ sie frösteln. m Ihren eigenen Text einzugeben.