Dies und das. Mal schaun von was


Würli und das kleine Mädchen

Ich buddel mich so schnell geht in die Erde. Eigentlich fresse ich mich in die Erde, so schnell ich nur kann. „Mama, Papa, Opa!” ruf ich zwischen durch. Doch ich bekomme keine Antwort. Ich halte inne und lausche. „Mama?!” „Papa?!” „Opa?” Doch ich erhalte wieder keine Antwort.

Bedrückt fresse ich mich weiter durch die Erde. Ein kleiner, grauer Regenwurm kreuzt meinen Tunnel. „Ach der Herr Würli ist auch zurück von seiner Reise?” knurrt dieser mich von der Seite an. „Tach, Georgis!” antworte ich genauso mürrisch. Ich denke: „Oh weh, GEORGIS! Wie der Name wohl komplett ausgesprochen wird? Mann, so möchte ich auch nicht heißen!” und muss grinsen. „Grins nicht so blöd, Du Kunterbuntwurm, Du. Hältst dich wohl für was besseres? Aber wirst schon sehen, deine Buntheit wird dir auch nichts bringen. Du bist auch nur ein Wurm, so wie ich. Ein einfacher, dummer Wurm, der die Erde fressen muss damit die Blumen leben können!” faucht Georgis mich an.

Ich kenne diese Eifersucht auf mein Aussehen nur zu gut, aber ich habe keinen Bock auf Streit und so frage ich ihn nur: „Sag mal, weißt Du wo Mama…..!” doch ich komme nicht weiter etwas zu fragen.

„Weg. Die dreckigen Schaufeln waren da und haben sie weggeholt. Fast alle sind weg!” mit diesen Worten frisst er sich weiter in den Boden und ist fort. „Die dreckigen Schaufeln waren da!” mit Schrecken erinnere ich mich an die Geschichte von Opa. Die dreckigen Schaufeln, dass sind verrostete, alte Schippen, mit denen Leute, die sich Gärtner nennen, die Erde auf Schubkarren schaufeln und dann woanders hin bringen. Solche Schaufeln hatte die Familie hierher gebracht. Lange lebten sie hier alle gemeinsam. Mama hatte hier ihre Familie gegründet und wir sind viele. Nun scheinen sie alle fort zu sein. Ich kann es nicht glauben.

Da Würli als Wurm eine Aufgabe zu erfüllen hat, futtert er sich wieder durch die Erde. Er überlegt nicht mehr lange und frisst sich kreuz und quer durch die Erde des Kübels. Nach Tagen buddelt er sich wieder mal nach „ oben”.  Ich wollte nur mal kurz schauen, was da oben wohl los ist. Ich bin noch nicht ganz oben angelangt, schießt etwas blinkendes, scharfes knapp an meinem Kopf vorbei. Erschrocken höre ich auf zu fressen und halte still. Ich spüre wie die Erde unter mir immer schneller nach oben gehoben wird und damit auch ich.“ Ich lande mit samt der Erde in einem Eimer. In dem Eimer lagen schon viele vertrocknete Blumen, aber die Menschen nennen es Unkraut. Nun bin ihr also mit einem dieser Schaufeln in einem Eimer gelandet. „Oh je“, denke ich, „nun sitz ich in einer Falle. In einer dunklen Falle, denn ich kann gar nichts sehen.

 

Dann schaukelt es hin und her, und fast wäre mir schlecht geworden. „Rums“ Dann höre ich ein schreckliches Geknatter und laute Geräusche. Plötzlich habe ich ein komisches Gefühl im Bauch. Das liegt wohl an der Bewegung. Ja, die Menschen bewegen sich nicht nur mit ihren Füßen vorwärts. Opa hat mir erzählt, sie hätten so komische Kisten mit Rädern dran. Ganz viele, bunte und in verschiedenen Größen. Die Menschen nennen das Auto, LKW oder Trecker. Und Opa sagte, so mancher Mensch würde sein Auto lieber haben als seine Kinder! Ich schlaf ein. Das monotone Geräusch des Motors lasst mich einfach einschlafen. Als ich wach werde, ist von dem Auto und dem Eimer weit und breit nichts mehr zu sehen.

Erst denke ich, ich hätte geträumt, aber dann kann ich den Himmel sehen und ich selbst liege auf einem Erdhügel inmitten einer Wiese. Nicht weit weg von mir spielen Menschenkinder. Abseits der Kinder sitzt ein kleines Mädchen mit blonden Haaren. Sie schaut sehnsüchtig zu den Kindern im Garten, die im Dreck spielen. Tränen kullern dem kleinen Mädchen über das Gesicht. Ich spüre ihre Traurigkeit und versuche sie mit meinen Gedanken aufmerksam zu machen.

„Komm hier her. Komm her. Hier bin ich!” denke ich ganz angestrengt. Und als habe sie mich gehört, steht sie auf und kommt auf den Erdhügel zu. Sie schnieft ganz fürchterlich, während sie sich über den Erdhügel beugt. Mit dem Ärmel ihres Pullovers wischt sie sich die Nase. “Igitt. Hast du kein Taschentuch?!“ frage ich sie. „Nöte. Ist doch auch egal!” Wie selbstverständlich antwortet das Mädchen, als habe sie schon immer mit Regenwürmern geredet. “Nee is nicht egal! Machst dir doch deinen schönen Pulli schmutzig damit!” sage ich. “Ist doch egal. Schimpfen ja doch nur mit mir, ob der Pulli sauber ist oder nicht. Schimpfen tun sie so oder so mit mir!” ereifert sich das Mädchen.

Wer schimpft mit dir?” frage ich vorsichtig nach. “Na meine Eltern, aber vor allem Mami. Lara mach dies, Lara mach das. Wie siehst du nun schon wieder aus. Zieh dich um. Mach dich nicht so dreckig. Geh in dein Zimmer. Lara sei artig. Aber auch wenn ich artig bin, dann zanken sich meine Eltern einfach weiter. Sie zanken wegen mir, aber ich weiß nicht warum. Also ist es doch egal, wie ich bin, böse oder artig.”

“Du heißt also Lara. Lara du ich glaube nicht, dass deine Eltern wegen dir streiten. Die großen Menschen sind manchmal ganz schön dumm. Sie streiten und streiten, und wissen später nicht mal, warum sie damit angefangen haben. Ich denke, bei deinen Menschen ist das ebenso!” versuche ich Lara auf andere Gedanken zu bringen. “Übrigens, ich heiße Würli!”

“Würli? Das ist ein lustiger Name. Und du bist so schön bunt. Ich glaube ich nehme dich mit nach Hause!” mit diesen Worten springt Lara auf, holte ein gelbes Förmchen und greift nach mir. Sie legt mich in das Förmchen und wirft auch noch etwas Erde über mich. „Oh nein, nicht schon wieder!” denke ich und hoffe, dass ich aus der Situation wieder ungeschoren davon komme. Lara trägt mich in ihr Zimmer. Das Zimmer ist riesengroß und alles hat so eine grelle, helle Farbe, die in den Augen weh tut. Ich habe Probleme mich zurecht zu finden. Sie schüttet mich in ein Trinkglas und stürmt aus dem Zimmer. Jetzt zieht sie ihre Mutter an der Hand ins Zimmer. “Schau Mami, wie hübsch der Wurm aussieht!” bettelt sie ihre Mutter an.

“Igitt igitt. Wie kannst du nur so was schreckliches in dein schönes Zimmer schleppen. Und wie du wieder aussiehst. Musst du dich denn immer so dreckig machen. Nun müssen wir dich doch wieder umziehen.” schimpft sie mit ihrer kleinen Tochter, die bereits wieder weint. Keinen Blick hat sie mir gegönnt. Das ist mir ja egal, aber Lara tut mir leid. Ich ärgere mich über Laras Mutter und denke ganz fest: “Du bist aber ne komische Mama! Interessiert es dich gar nicht , was dein Kind begeistert?“ Laras Mama fängt an ihr den Pullover auszuziehen und hält plötzlich inne. Was war das? Sie kann ja nicht ahnen, dass ich ihr die Gedanken geschickt habe. Mit Kindern ist es leichter Gedanken zu tauschen, als mit den großen Menschen.

Sie zerrt nicht mehr an Lara und ihr wird schlagartig klar, dass sie viel zu viel Zeit mit ihrer Arbeit und den Belangen der Firma ihres Mannes verbringt, und ihr Kind darüber irgendwie vergessen hat. Sie schaut in Laras verweintes Gesicht. „Na dann zeig mir mal deinen Wurm, den du da gefunden hast!” mit diesen Worten wischt sie ihrer Tochter die Tränen von den Wangen. Sie setzt sich in einen Plüschsessel mit einer furchtbaren Farbe, die ich kaum beschreiben kann. Lara rennt, um das Glas. in dem ich sitze. zu holen. Anschließend hüpft sie auf den Schoß ihrer Mutter. “Du hast Recht Lara. Das ist wirklich ein hübscher Wurm. Ich wusste gar nicht, dass es so schöne Würmer gibt. Ich dachte immer, die sind glitschig und hässlich! Aber der ist wirklich ein hübscher Regenwurm!” “Kann ich den behalten!” fragt Lara.

“Oh Lara. Ein Regenwurm ist doch kein Spielzeug. Der wird sterben, wenn du ihn in dem Glas lässt. Und das wollen wir doch auch nicht, oder?” “Nein Mama, das will ich nicht, aber ich mag mein Zimmer auch nicht. Können wir das nicht auch weg bringen!“ fragte Lara ihre sehr erstaunt schauende Mutter. “Ich möchte es anders haben!” sagt Lara. Verdutzt sieht sie Lara an. „Ich dachte du magst die Dinge hier in deinem Zimmer. Aber wenn ich dir so zuhöre, ja ein bisschen bunt ist es schon. Und du wirst ja auch größer und hast dann sicher mal einen anderen Geschmack. Weißt du was? Das ändern wir bald. Da fragen wir den Papa, ob er dir dein Zimmer neu macht!“

„Hört ihr dann auch auf zu streiten und so laut zu sein?“ fragt Lara unsicher. „Aber Schatz. Papa und ich streiten doch nicht! Wir. .. Wir.... Ohje. Wie soll ich dir das nur erklären. Du weißt doch, Papa hat eine große Firma.Da hat er immer viel zu tun. Und wenn ich dann mit Papa rede, dann ist das kein Streiten, sonder wir diskutieren nur. Das wird dann sicher auch etwas lauter. Nein mein Schatz, wir streiten doch nicht!“ versucht Laras Mama zu erklären.

Lara beginnt wieder zu weinen. Laras Mama nimmt Lara ganz fest in den Arm und langsam beruhigt sie sich wieder. Dann geht Laras Mama aus dem Zimmer, Lara stellt mich mit dem Glas auf den grell roten Teppich, der mitten im Zimmer liegt. Sie erzählt und erzählt. Dann bringt sie mich zu ihrer Puppenstube. Und fängt an zu lachen, als sie sieht, wie ich mich durch die Zimmerchen der Puppenstube arbeite. Ich schlängele mich von Zimmer zu Zimmer. Ich liege dabei sogar im Bett, das in einem Zimmer der Puppenstube steht. Nun setzte ich mich auf einen Stuhl an einem kleinen Tisch. So lerne ich die Puppenstube von Lara kennen. Zum Schluss bringt sie mich wieder zum Teppich und erzählt weiter. Dann stoppe ich Lara mitten in einer Geschichte von ihrer Barbiepuppe.

“Lara, ich muss hier raus! Ich muss wieder in die Erde!” Lara beginnt wieder zu weinen. In dem Moment kommt ihre Mutter ins Zimmer. Sie sieht Lara weinend auf dem Teppich liegend. Zunächst bringt sie ihr schonend bei, dass ich wieder an die Luft muss. Sie tragen mich zum Erdhügel und Lara sagt zu mir,” Tschüss Würli, vielleicht sehen wir uns mal wieder!” und kippt das Glas mit der Erde auf den Erdhügel. Während ich mich so schnell ich nur konnte in die Erde fresse, schicke ich der Mama noch ein paar Gedanken.

„Pass gut auf dein Mädchen auf!” Laras Mama dachte: „Es wird Zeit, dass das mit der Firma besser wird und wir mehr Zeit für Lara haben!“ Erschöpft mache ich Pause und denke, ein Nickerchen würde mir jetzt gut tun. Ich rolle mich zusammen und träume von einem furchtbar bunten Mädchenzimmer.