Dies und das. Mal schaun von was

Gedanken und Erkenntnisse

Gutgelaunt stand ich auf. Ich hatte geträumt: Mike und ich waren ausgegangen, wir redeten und lachten. Plötzlich blieb er stehen, drehte sich zu mir um, gab mir einen Kuß auf die Stirn und sagte: „Hiermit verabschiede ich mich von einem kleinen Jungen.“ Ich musste darüber so lachen, war offensichtlich sehr verlegen und wachte darüber auf. Beim Laufen hatte ich heute ausnahmsweise keine Probleme. Der Tag begann gut, und so machte ich mir keine Sorge wegen der bevorstehenden Unterhaltung mit meiner Ärztin.

Doch ich musste schlucken, als sie mich darauf ansprach, was ich in meiner ersten Meditationsstunde erlebt hatte. „Frau Walk, denken Sie bitte mal über diesen kleinen Jungen nach. Was glauben Sie, was Ihr Unterbewusstsein Ihnen damit mitteilen will? Gehen Sie in Wirklichkeit auch so mit Ihren Problemen um wie dieses Kind? Und wie sind Sie wirklich? Kennen Sie sich selbst?“ Erst jetzt fiel mir auf, daß ich mich oft wie ein Junge benahm. Aber wollte ich wirklich so sein? Und die Forderung der Sensitivtherapeutin war mir wieder ganz präsent: Akzeptieren Sie sich so, wie Sie sind! Akzeptierte ich mich tatsächlich so wie ich war? Nahm ich meine Probleme letztlich nicht ernst genug? Streckte ich sozusagen dem Schicksal stets die Zunge heraus und lief davon? Ich war tatsächlich vor vielen Schwierigkeiten geflohen.

Selbstkritisch schaute ich an mir herunter: Jeans und Pulli mit Überlänge, wie immer Turnschuhe an den Füßen. Ungeschminkt, einmal kurz durch die Haare gebürstet, das war's. Die Haare konnten sowieso nicht großartig frisiert werden, da sie auf Streichholzlänge gekürzt waren. Schick sein? Nein, dazu hatte ich meistens keine Lust. Hin und wieder war das anders. Dann wollte ich schon ein bißchen hübscher sein. Aber dazu brauchte ich einen besonderen Anlass, und letztlich fühlte ich mich in solchen Situationen immer etwas unwohl, denn leider fällt es meist auf, wenn jemand, der die meiste Zeit schlampig herumläuft, sich einmal in Schale wirft. Und auffallen, das wollte ich nie, das vermied ich immer.

Meine drei Brüder waren alle sportlich, intellligent und witzig - und ich war lediglich ein Mädchen. Dies ließ man mich auch spüren. In der Erziehung wurde darauf allerdings weniger Rücksicht genommen. Mein Vater nahm mich mit zum Fußballplatz und war immer besonders nett zu mir, wenn ich mich wie ein Junge benahm. Er fand es witzig, wenn ich Schrammen hatte und war stolz, wenn ich den Schmerz nicht zeigte. Wenn mir zum Heulen war und er es merkte, sagte er sogar: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ Ich versuchte, so zu sein wie meine Brüder in dem Glauben, daß mein Vater mich dann richtig lieben würde. Das war natürlich fatal. Eine ganze Reihe solcher jungenhaften Verhaltensweisen habe ich auch als Erwachsene nicht abgelegt.

Doch dass ich letztendlich ein Mädchen war, konnte ich zwar ignorieren, jedoch nicht ändern. In Jeans fühlte ich mich stets am wohlsten. Ja, ich glaubte sogar, ich hatte auch etwas Männliches an mir. Mein Problem war nur, daß ich mein Anderssein nie akzeptiert hatte - weder, daß ich als Mädchen geboren wurde, noch daß ich immer dieses bengelhafte Verhalten zeigte. Eine verzwickte Situation! Manchmal gab es auch Tage, da war ich recht froh, eine Frau zu sein. Aber die meiste Zeit verfluchte ich es. Eigentlich schon seit ich das erste Mal meine Periode bekommen habe und die Bauchkrämpfe mir beinahe den Verstand raubten. Als Frau ist man ja doppelt gestraft: erst die Einschränkungen während dieser Tage - und dann auch noch irgendwann Kinder kriegen. Das ist doch ungerecht. Als Jugendliche fand ich dies so ungerecht, daß ich mir häufig wünschte, als Junge geboren zu sein. Bereits in meiner Kindheit hatte es eine Phase gegeben, in der ich mir gewünscht hatte, daß mir doch ein Penis wüchse, damit ich endlich ein Junge würde. Und über all dies hatte ich nie mit meinen Eltern reden können.

Erst während der Massage traten meine Gedanken an früher wieder in den Hintergrund. Die Hypnose versetzte mich in einen Schwebezustand, und danach schlief ich tief und fest ein. An diesem Tag lernte ich noch eine neue Behandlungsform kennen: die Rhythmiktherapie. Wieder ein neuer Therapeut, wieder neue Gesichter. Angstgefühle, schon zu gut bekannt, machten sich erneut in mir breit. Trotzdem stieg auch große Neugier in mir auf. Der Therapeut war mir auf Anhieb sympathisch. Er strahlte Lebensfreude aus. Bei ihm spürte man, daß ihm seine Arbeit Spaß machte. Wir spielten Ball, was mir irgendwie peinlich war, denn ich kam mir vor wie im Kindergarten. Der Therapeut schien die anderen Patienten zu kennen und unterhielt sich mit ihnen. Ich bemerkte aber, daß dies ein Wortgefecht der besonderen Sorte war. Obwohl ich zuhörte, wurde mir nicht klar, worum es konkret ging.

Doch ich spürte, daß hier, auf diese Art und Weise, Probleme besprochen und verarbeitet wuden. Es begann, mich zu interessieren und mir zu gefallen. Nach einiger Zeit sollten wir uns auf den Rücken legen und vollkommen entspannen. Dann mußten wir im Zeitlupentempo den rechten Arm heben, dann das Bein und so weiter. Es machte Spaß, den eigenen Körper auf diese Weise kennenzulernen. Ich spürte eine ungeheure Schwere. Mein Körper wurde schwer wie Blei. Ich war ganz froh, mich in dieser Stunde nicht erneut mit mir selbst auseinandersetzen zu müssen. Zu meinem Erschrecken musste ich aber feststellen, daß viele der Patienten massive Probleme hatten. Durch die Therapie kamen sie geballt an die Oberfläche und mussten aufgearbeitet werden.

An diesem Tag machte ich mir auch zum ersten Mal darüber Gedanken, wie andere Patienten dies alles erleben mochten. Zum Beispiel Marc. Er war 22 Jahre alt, groß und schlank und trug eine kleine Nickelbrille, die ihm sehr gut stand. Er lehnte da an der Wand und weinte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er auf mich eher den Eindruck gemacht, daß er sich pudelwohl in seiner Haut fühlte. Eigentlich glaubte ich, daß der Junge hier nicht hingehöre. Was mochte er wohl haben? Aber er sagte nichts, blieb stumm. Er wirkte vollkommen verstört.

Sehr nachdenklich wanderte ich zur nächsten Therapiestunde. Wir tobten zur Musik von Tina Turner, und ein griechischer Volkstanz brachte gute Stimmung in die Gruppe. Ein Pantomimenspiel folgte. Alle versuchten, durch Bewegung Angst, Gefahr und Unruhe auszudrücken. Das wollte ich aber nicht. Deshalb zog ich mich sichtbar in mein geistiges Schneckenhaus zurück, das mein Ort der Ruhe und Entspannung war. Ich stellte diese Situation dar, indem ich mich unter einen imaginären Wasserfall stellte, dann genüßlich wilde Früchte pflückte und zum Schluß auf einen Baum kletterte, um zu schlafen. Mein Pantomimenspiel kam gut an.

Nach mir spielte eine neue Patientin einen Orang-Utan, was zu allgemeinem Gelächter beitrug. Aber sie hatte ihre Sache wirklich sehr gut gemacht. Später erklärte mir die Therapeutin, daß man aus meinem Mienenspiel erkennen konnte, daß ich allmählich meine Einstellung änderte und langsam positiver dachte. Ich selbst konnte keine gravierende Veränderung an mir bemerken, außer vielleicht daß ich etwas freundlicher zu den Menschen um mich herum geworden war.

Diese Diskrepanz zwischen Fremd- und Eigeneinschätzung ist nicht untypisch in solchen Situationen: Zunächst merkt man es nicht, daß es bergauf geht. Plötzlich kommt dann die schlagartige Erkenntnis, daß sich etwas geändert hat, und man ist freudig überrascht, ja überwältigt. Gutgelaunt verließ ich den Raum. Doch meine Hochstimmung hielt nur bis zum Abendgespräch, das mich sehr aufwühlte. Ich war frustriert, weil uns ein Therapeut eine Geschichte erzählte, die mir sehr gefallen hatte. Erst nach intensivem Nachdenken erkannte ich den verborgenen Sinn der Geschichte und was sie mir sagen wollte.

In der Geschichte ging es um einen Baum, den ein Gärtner frisch gepflanzt hatte. (Hiermit war - zumindest in meiner eigenen Deutung - ein neugeborenes Kind gemeint, das auf die Welt kam und zu wachsen begann.) Als dieser Baum in die falsche Richtung wuchs, beschnitt der Gärtner den Baum. (Die Erziehung des Kindes setzte ein, es sollte geformt werden. Wunschvorstellungen der Erwachsenen spielten eine Rolle.) Der Gärtner beschnitt den Baum wieder und wieder. Und bald sollte er die Freude an seinem Baum verlieren, weil er nicht so wurde, wie er es sich erhofft hatte. (Das Kind wurde nicht so akzeptiert, wie es war, ihm wurde kein Freiraum gelassen.) Eines Tages begann der Baum zu verkümmern. (Der Mensch war seelisch krank geworden.) Ein kleines Mädchen sah den Baum und redete mit ihm und gab ihm alle Zuwendung und Liebe, die es in sich hatte. Der Gärtner sah dies und erkannte, daß er den Baum zwar pflegen, aber nicht mehr beschneiden durfte, damit er schön wüchse.(Der Mensch fand seinen eigenen Weg, wenn man es ihm nur erlaubte.) Der Baum wuchs fortan gut und gedieh prächtig. (Der Mensch hatte seinen eigenen Weg gefunden und kam nun mit seinem Leben zurecht, er dachte positiv, denn er konnte sich auch akzeptieren.)

Durch diese Geschichte fühlte ich mich stark angesprochen. Aber sie machte mich auch wütend, weil mein Mann ja Gärtner ist und sich Parallelen aufdrängten. Ich glaubte damals allen Ernstes, daß meine Ärztin die Geschichte allein für mich ausgesucht hätte, um mich in die Enge zu treiben. Je länger ich jedoch zuhörte, desto klarer wurde mir, daß diese Geschichte allen die Augen für ein Leben in Harmonie öffnen konnte.

Da mir das Nachdenken leichter fiel, wenn ich am Fluss saß, begab ich mich zu „meiner kleinen Bank“, wie ich diesen Ort heimlich getauft hatte. Ja, es stimmte, die Erziehung konnte von Anfang an viel kaputt zu machen. Alle meine Vorstellungen über das Leben, zum Haushalt, zu den Kindern und zum Thema Liebe wurden mir schon als Kind beigebracht. Jetzt mußte ich erst lernen, mich davon stückweise zu befreien und meinen Blickwinkel zu verändern. Ich mußte meine Vorstellungen und Werte einer strengen Überprüfung unterziehen und neue, mir eigentliche Entsprechende finden. Vielleicht hatte ich dann eine Chance, wieder zu mir zu kommen, ja, mit mir ins Reine zu kommen. Vieles, was mir meine Mutter-- unbewußt--als Übles verteufelt hatte, war vielleicht für mich selbst gar nicht so schlecht. Das ahnte ich wohl, konnte mich aber nicht von alten Verhaltensmustern befreien.

Mein Vater hatte mich ganz anders als Mutter erzogen. Er betrachtete viele Dinge von zwei Seiten, tat aber oft seine Meinung nicht kund. Ich wußte damals nicht warum, sondern glaubte, er kneife, wenn es darum ging, sich durchzusetzen. Aber wahrscheinlich war er einfach müde geworden. Also hielt er lieber den Mund. Er kam gegen den Rest der Familie nicht an. Es war wohl zu schwierig für ihn gewesen, fünf Kindern gerecht zu werden.

In der Familie meines Mannes zählte nur die Meinung des Vaters. Er war der Herr im Haus, das uneingeschränkte Oberhaupt, sein Wort gleich Gesetz. Und nun versuchte Gerd, dieses erlernte Muster auf unsere Ehe zu übertragen. Das konnte nicht gutgehen, da ich mir ja unsere Beziehung völlig anders vorstellte. Wir hatten also beide verschiedene Sichtweisen im Kopf und beide waren nicht in der Lage gewesen, ein gemeinsames herauszubilden. Zwei Menschen mit grundverschiedenen Erfahrungen trafen aufeinander, und es mußte einfach zur Katastrophe kommen. Besonders, nachdem seine Eltern ins Altenheim gekommen waren, mein Vater verstorben war und meine Mutter nicht mehr so in mein Leben eingreifen konnte, war es unausweichlich, daß unsere unterschiedlichen Meinungen erst richtig aufeinanderprallten. Nach zehn Jahren versuchten wir endlich, unser eigenes Leben zu leben, und natürlich ging das schief.

Plötzlich hatte sich bei mir alle Wut auf Gerd konzentriert. Mir tat nur leid, daß ich hier Hilfe bekommen konnte und er noch nicht so weit war, sich zu öffnen. Ich beschloß, hier meinen Weg zu finden, um auch ihm beistehen zu können. Vielleicht war das der Weg, aus unerer Ehe eine intakte Beziehung zu machen. Ein Brummen weckte mich aus meinen Gedanken. Ein weißes Motorboot sauste an mir vorbei. Die Leute darin winkten und lachten mir zu. „Was um alles auf der Welt hat mich dazu bewogen, mein Leben als sinnlos zu betrachten?“ fragte ich mich, als ich die lachenden Gesichter sah.

Plötzlich empfand ich die Ruhe um mich herum als störend. Also ging ich kurzentschlossen in die Ortschaft, in der sich häufig viele nach dem Abendgespräch die Zeit vertrieben und traf auf Mike und andere Patienten. Wir diskutierten über die Geschichte mit dem Baum, und jeder berichtete von seinen Gedanken, die er während der Erzählung gehabt hatte. Es wurde ein wirklich anregender Abend.