Dies und das. Mal schaun von was


WÜRLI

„Würli?! Wüüürrrliiii!?“, ruft meine Mama nach mir. Sie sucht mich ständig, weil ich jede Gelegenheit nutze, um mich nach oben zu buddeln. Oben, da soll ich nicht hin, da sie es dort zu gefährlich findet. Naja, bisher habe ich es auch nicht geschafft, aber bald!

„Würli! Woland, Üban, Rasmus, Loran, Ima! Du wirst schön hier bleiben und nach rechts graben. Großvater wird...!” Mitten im Satz hörte sie auf und rief nach Großvater, meinem Opa. Opa ist ein wenig tüddelig und deshalb muss Mama auf ihn aufpassen. Dadurch hat sie mich Gott sei Dank vergessen. Hast du diesen langen Namen gehört? Wie kann man einem Wurm so einen langen Namen geben. Aber in der Regel sagt sie einfach nur Würli zu mir. Den langen Namen benutzt sie nur, wenn sie streng mit mir sein will. Ich bin ein kleiner Regenwurm, oder so was ähnliches. Ich weiß das selbst nicht so genau. Mein Opa sagt, in meinen Genen wäre etwas anderes als bei anderen Würmern. Aber mir ist das egal. Ich bin eben ein Regenwurm. Eigentlich soll ich den Boden umgraben, damit die Blumen über uns besser wachsen können. Aber ich bin noch klein und habe so manchen Unsinn im Kopf. Opa sagt, ich bin so, wie er früher war.

Um Mutter nicht auf mich aufmerksam zu machen, fange ich an, in die vorgeschriebene Richtung zu buddeln, dann mache ich eine kleine Wende und schwupp die wupp, geht’s ab nach oben. Ob ich es wohl heute schaffe? Opa hat mir viele aufregende Geschichten von da Oben bei den Menschen erzählt. Da muss ich unbedingt mal hin und schauen. Opa meint, die Menschen seien interessant, aber auch gefährlich. Es gäbe kleine Menschen, die uns Würmer gerne zerschneiden. Seine Brüder und Schwestern sind von anderen Menschen in so durchsichtige Dinger gesteckt und weggebracht worden. Sie sind nie wieder aufgetaucht. Nur einer, und das war mein Opa. Er erzählte, dass er ein paar Tage in so einem komischen Behälter, was die Menschen als Einmachglas bezeichnen, verbringen musste. Es war ein wenig Erde in dem Glas, sodass er sich wenigstens ein bisschen verstecken konnte. Er hat mir die großen runden Dinger, mit denen die Menschen sehen, beschrieben. Dabei ist es mir eiskalt den Rücken runter gelaufen. Aber die Neugierde auf die Menschen ist größer als meine Angst. Es gibt große und kleine Menschen, sagt Opa. „Die Kleinen sind neugierig, so wie du!” erklärte er mir erst kürzlich. Dann hatten die kleinen Menschen das Glas in den Garten getragen und den Opa einfach auf die Erde geschüttet. Er hatte sich so schnell es nur ging in die Erde gebuddelt, und - wie durch ein Wunder - war er bei seiner Familie wieder aufgetaucht.

Die Menschen haben eine andere Sprache als wir. Sie sind laut und ständig bewegen sich deren Mäuler. Naja, bei den Menschen heißt das wohl eher Mund. Die kleinen Menschen sind aufgeweckter und neugieriger als die Großen. Das hörte sich alles so interessant an, dass ich unbedingt nach oben muss.

„Da, ein Lichtstrahl, fast bin ich oben! Aber was ist das?“ Es prasselt auf mich nieder. Es tut nicht weh, aber es ist feucht. Regentropfen treffen mich. Das wäre ja nicht weiter schlimm. Aber es regnet ganz wild, wie aus Eimern hätte Opa gesagt. Bald ist keine Erde mehr um mich herum und ich kann mich nicht mehr verstecken. Nun werde ich aber doch ein bisschen ängstlich. Es hört gar nicht auf und regnet und regnet. Ich schwimme in einer Pfütze und sehe, wie ich an den Rand eines Pflanzenkübel gespült werde. „Oh nein!“, ich muss zurück in die Erde zu meiner Familie! Doch ich finde keinen Halt, schwupp ist es passiert! Mit den nächsten Tropfen werde ich über den Rand des Kübel gespült, ich habe das Gefühl einen Wasserfall hinunter zu stürzen. Was habe ich mir nur dabei gedacht, einfach nach oben zu buddeln. Ich finde mich am Boden wieder, aber keine Ritze in der Erde. Wo sind die Ritzen von denen Opa geredet hatte. Alles voller Beton. Keine Ritzen zum Einbuddeln. Bedrohlich nahe kommen mir diese Dinger, mit denen die Menschen aufrecht gehen und laufen können.

„Mein letztes Stündchen hat geschlagen!“, denke ich. Ich wünschte, ich hätte mich nicht nach oben gebuddelt! Ein weiterer Regentropfen trifft mich und spült mich unterhalb des Kübel in eine kleine Vertiefung. Hier bin ich ein wenig sicherer. Meine Angst ist riesig, aber meine Neugierde auch. Tausende Füße mit verschiedenen Schuhsohlen rauschen an mir vorbei. Das diese Dinger Schuhsohlen heißen, weiß ich von Opa. Wie ich vieles von Opa weiß. Er sagte, die Menschen brauchen diese Kisten für die Füße, weil sie sonst frieren würden. Diese Kisten heißen Schuhe. Schuhe sind nicht gut! Nicht gut für Würmer. Wenn dich einer trifft, ist es vorbei mit dem Wurmleben. Deshalb fühle ich mich hier in der Ecke auch sicher. Die Schuhe sind zu groß für die kleine Ecke hier. Trotzdem ist es bedrohlich, wenn diese Schuhe an dir vorbei sausen, in die Höhe schnellen und dann mit einem Klatschen in einer Pfütze landen. Jedes mal denke ich, jetzt spült es mich aus der Ecke raus. Aber das passiert nicht. Es passiert ganz was anderes.

„Was kommt denn da auf mich zu?“ Ein riesiger runder Kopf mit zwei riesigen blauen Kulleraugen nähert sich. “Thorsten schau mal! Hast du schon mal so einen bunten Regenwurm gesehen?” Ich sehe noch einen großen runden Kopf, diesmal starren mich dunkelbraune Augen an. „Wow, der sieht echt anders aus als die anderen Würmer. Schau mal, der hat sogar Augen. Würmer haben doch eigentlich keine Augen, oder?“ sagte der Mund aus dem Kopf mit den braunen Augen. Wie, Würmer haben keine Augen? Ich hab doch Augen und ich sehe die zwei Menschenkinder deutlich vor mir. Ist es das, was Opa mit den Genen meinte? Oh, was passiert den jetzt? Etwas großes greift nach mir. Ist jetzt alles vorbei? Oh Mama, hätte ich doch nur auf dich gehört. Aber mir passiert nichts. Die riesigen Finger nehmen mich ganz vorsichtig hoch und legen mich auf die Hand des anderen Jungen. Beide betrachten mich neugierig. Ganz nahe sehe ich die Augen der beiden Jungen. „Thorsten! Den nehmen wir mit zu Carlo. Hast du was, wo wir ihn rein tun können?“ Der Junge namens Thorsten kramt in seinen Taschen und findet eine kleine Schachtel. Er legt ein wenig Erde rein und ich werde abgelegt. Schnell versuche ich mich zu verbuddeln, aber es ist nicht genug Platz, um wirklich zu verschwinden. Ich verziehe mich in die hinterste Ecke der Schachtel.

Plötzlich wird es dunkel. Es rüttelt und schüttelt mich hin und her. Die beiden Jungen rennen wohl sehr schnell. „Carlo, Carlo schau mal was wir gefunden haben“ ,höre ich die Jungs rufen. Dann wird es plötzlich hell um mich herum! Sie schütten mich in eines der Einmachgläser, die auf einem Regal stehen. Viele Würmer sind da zu sehen. Aber die sind nicht echt, sondern aus Plastik. In jedem Glas einer. Resigniert schaue ich mich um. Hier wieder raus zukommen ist unmöglich. Also lasse ich meine Neugierde über meine Angst siegen und warte ab, was da auf mich zukommt. Mini-Autos, Flugzeuge, Hubschrauber stehen da in Mengen. Ich bin in einem Kinderzimmer gelandet. Carlo nimmt das Glas in die Hand und betrachtet mich eingehend. Er hat traurige Augen, das fällt mir sofort auf. 

„Bringt ihn wieder raus in den Garten! Was soll er hier im Glas? Da stirbt er nur!“ ,mit diesen Worten stellt er das Glas wieder ab. „Mensch Carlo, der Wurm ist etwas Besonderes. Hast du die Farben gesehen? Vor allem, er hat Augen! Die sehen fast so aus, wie unsere. Ich schwöre dir, der hat uns beobachtet und das tut er grad wieder. Schau doch nur!“ sagt Thorsten und hält das Glas in Richtung Carlo.

Ein großer Mensch betritt das Zimmer. Das ist wohl Carlos Mama. „Was habt ihr denn jetzt wieder für Krabbeltiere mit gebracht? Wie oft soll ich euch noch sagen, lasst mir das Ungeziefer aus dem Haus!“ Doch die Kinder machen sie neugierig und so nimmt sie das Glas in die Hand. Dann sagt sie zu mir: „Na, du bist mir ja ein Prachtkerl. So schön bunt und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du schaust mich direkt an!“

„Gib her Mama! Ich will mal schaun was ich im Internet über so einen Wurm finde!“, ruft Carlo. Erstaunt überreicht sie ihrem Sohn das Glas. Der Junge zeigt nach Wochen das erste mal wieder Interesse an etwas. Das ist wichtig für sie und ihren Sohn. Lächelnd reicht sie ihm das Glas und wendet sich ab. „Kleiner Wurm, vielleicht bist du der Anstoß dafür, dass Carlo endlich wieder lachen kann. Die Beine kannst du ihm nicht richten, aber sein Lachen vielleicht zurückholen!“, denkt Carlos Mama. Ich habe diese Gedanken gehört. Ich staune über mich selbst. Ich kann Gedanken lesen! Thorsten will grade nach dem Glas greifen, um es in den Garten zu tragen. Sein Gesicht ist traurig, denn er hatte gehofft, dass Carlo sich für den Wurm interessieren könnte. „Neee Thorsten. Lass mal stehen. Ich brauch den noch. Ihr Beiden haut endlich ab, ich weiß, dass heute Training ist.“ So schmeißt Carlo seine Freunde raus. Seit einem Unfall vor drei Monaten kann Carlo nicht mehr laufen. Er sitzt im Rollstuhl und ist darüber sehr unglücklich. Der kleine Wurm in seinem Glas ist das Erste, was ihn dazu bringt, mal nicht daran zu denken, dass er nun keinnen Fußball mehr spielen kann.

Carlo beginnt mit mir zu reden: „Siehst du, ich stell dich mal hier hin. Der Kasten hier ist ein Laptop und wir schauen jetzt mal, was wir über Regenwürmer im Internet finden können.“ Er sucht und sucht, findet nur die üblichen Informationen über Regenwürmer. Aber so einen wie mich, den findet er einfach nicht. Tja, ich bin ja auch etwas Besonderes! „Och nee, Würmchen. Ich finde nichts über dich im Internet!“ Als er auf den Wurm schaut, meint er etwas zu hören. Er nimmt das Glas in die Hand und hält es sich vor die Augen. Tatsächlich, er hört etwas.

„Würli heiß ich, nicht Würmchen!“ hört er. Er schüttelt den Kopf und fängt an zu lachen. Jetzt hörst du schon die Regenwürmer husten“, denkt Carlo. Weil ihm das Lied gerade einfällt, fängt er an zu singen. „Hööörst du die Regenwürmer huuusten!“ Ich finde das Lied lustig und es dauert nicht lange und ich singe mit. Carlo hört auf zu singen, aber ich nicht. Carlo traut seinen Ohren nicht. Ganz leise, aber deutlich hört er den Wurm singen!

„Ich werde verrückt!“, sagt er laut. „Nöö wieso?“, fragte ich. Für mich ist es selbstverständlich, dass ich die Menschen verstehe. Denn Opa hatte davon gesprochen, das er die Menschen verstehen könnte. Carlo schaut sich um, ob er auch wirklich alleine im Zimmer ist. Dann beugt er sich in Richtung Glas. „Du kannst wirklich sprechen!“, flüstert er mir zu. „Jau“ antworte ich. „Mein Name ist nicht Würmchen, sondern Woland, Üban, Rasmus, Loran, Ima. Abgekürzt einfach Würli. So ruft meine Mama mich!“

„Ich kann es nicht glauben!“ sagt Carlo. „Ich schon. Mein Opa sagt, ich hab was in den Genen, was Opa auch schon hatte. Opa kann auch sprechen und die Menschen verstehen. Und das ihr gefährlich seid hat er mir auch gesagt. Wirst du mich im Glas lassen oder lässt du mich wieder raus?“ „Klar lass ich dich wieder raus. Ich will ja nicht, dass du im Glas eingehst!“ antwortet Carlo. „Aber magst du nicht ein paar Stunden bei mir bleiben?“ Ich wiege meinen Oberkörper hin und her, als müsse ich überlegen. „Na gut“, sage ich. Als hätte ich eine andere Wahl. Ich bin darauf angewiesen, dass mich jemand aus dem Glas heraus lässt. „Gleich kommt mein Krankenpfleger. Ich stell dich mal solange da auf das Regal. Von da aus kannst du mir zuschauen, wie ich gleich leiden muss!“ Mit missmutigem Gesicht stellt das Glas in dem ich sitze auf ein Regal, von dem aus ich das ganze Zimmer betrachten kann.

Ein großer Mensch kommt zur Türe herein. Ein Mann in weißer Kleidung, der Carlo auf eine Liege trägt. Ich schaue zu, wie Carlo widerwillig seine Übungen macht. Carlo hat Schmerzen, aber er will keine Schmerzen mehr haben. Ich kann seine Schmerzen fühlen. „Carlo, wenn du Schmerzen in den Beinen hast, dann kannst du eines Tages auch wieder laufen. Halt die Schmerzen aus und mach mit. Oder bist du ein Weichei? Ich bin ein kleiner Wurm und ich bin darauf angewiesen, dass du mich wieder frei lässt. Beklag ich mich? Streng dich an und siehe zu, dass du wieder laufen lernst“, denke ich.

Carlo schaut in meine Richtung. „Ja du hast recht! Ich muss mich viel mehr anstrengen!“ Sie merken, dass sie ihre Gedanken austauschen. Ich feuere ihn bei seinen Übungen an. Immer wenn Carlo aufgeben will, dann ruf ich ihm zu:“Du willst kein Weichei sein!“ und dann macht Carlo doch noch eine Übung. Als der Pfleger geht, ist Carlo vollkommen erledigt, aber glücklich. „Carlo, wie alt bist du?“, frage ich ihn später. „8, in drei Wochen werde ich 9“, antwortet er. „Weißt du, ich weiß nicht wie alt ich bin oder werde, aber hier im Glas werde ich ganz sicher nicht alt.“ Traurig schau ich Carlo durch das Glas an. „Wir haben uns doch gerade erst kennengelernt und ich würde dich gerne noch eine Weile behalten!“ „Dann bin ich bald tot. Und was nutzt dir das? Wir haben einen kurzen Augenblick der Freundschaft. Das ist doch wunderbar, aber mehr ist nicht drin!“ antworte ich ihm. Carlo sah mich an und wusste, dass ich recht habe.

Er ruft seine Mutter. Sie trägt ihn zu seinem Rollstuhl. Anschließend fahren sie in die Straße, wo seine Freunde mich gefunden hatten. „Du wirst mich bald vergessen haben, aber du hast deinen Willen wieder gefunden. Das ist gut!“ sage ich zum Abschied. „Ich dich vergessen? So einen bunten Regenwurm wie dich kann ich gar nicht vergessen!“ mit diesen Gedanken schüttet er die Erde und mich in den Pflanzenkübel. Ich buddele mich schnell in die Erde. Ich kann nicht schnell genug buddeln, um zu meiner Familie zurück zu kommen und ihnen alles von meinem Abenteuer zu erzählen.  Carlo vergaß das Würli nie. Nur, das er mit ihm geredet hatte, hielt er für einen Traum.