Dies und das. Mal schaun von was

Besuch aus Belgien 

Etwas bedrückt stand ich an diesem Samstagmorgen auf. Einige junge Leute, die ich näher kennengelernt habe und ins Herz geschlossen habe, durften nach Hause, gerade in dem Moment, an dem ich erkannt hatte, wie wichtig sie eigentlich für mich waren. Doch so ist es nun mal: Meistens wird man erst hinterher klug - wenn es zu spät ist. Ich unterdrückte die Tränen, als Will sich von mir verabschiedete. Er versprach mir, mich zu meinem Geburtstag zu besuchen. „Ob er es wirklich tun würde?“ fragte ich mich.

Während die meisten der mittlerweile Vertrauten abreisten, fand glücklicherweise die Sensitivtherapie statt. So mußte ich ihnen nicht ein Lebewohl hinterherwinken und vermied so einen tiefgehenden Trennungsschmerz, unter dem ich sowieso litt. Musik passiv war genau das Richtige für meine Stimmung. Die Musik war ein wenig schwermütig, aber sie zog mich nicht zu sehr herunter.

Danach richtete ich mich auf einen langen, langweiligen Samstag ein. Ich machte es mir mit einer Schachtel Zigaretten, einer Tasse Kaffee und meinem Walkman auf dem Balkon gemütlich. Außer mir würden an diesem Wochenende insgesamt nur zehn Patienten im Haus sein. Viele hatten Heimurlaub oder waren entlassen worden. Morgen würden die Neuankömmlinge kommen. Da es um diese Jahreszeit, es war immerhin schon Anfang Juni, noch sehr kalt war, kuschelte ich mich in eine Wolldecke. Monika kam auf den Balkon, fix und fertig für ihren ersten Heimurlaub. Sie hatte sich geschminkt und strahlte Freude aus. Ich gönnte es ihr und fragte mich selbst, ob ich mich wohl auch so freuen würde, wenn ich nach Hause gehen könnte. „Nein, ich brauche diese Ruhe, die mich hier umgibt. Wenn ich jetzt nach Hause käme, gäbe es nur wieder Zank und Streit. Ich bin noch nicht so weit, ich spüre es genau“, gab ich mir selbst zur Antwort.

Mir war sehr bang vor dem ersten Besuch von Gerd. Aber an ihn wollte ich jetzt nicht denken. Es waren ja noch ein paar Tage bis dahin. Heute sollte ein Freund und Arbeitskollege von Mike zu Besuch kommen. Mike wartete schon ungeduldig. Die neue Freundin seines Freundes kannte er auch noch nicht, deshalb war ihm wohl ein wenig mulmig vor der Begegnung, wie ich bemerkte. Als sie ankamen, stellte er sie mir gleich vor. Mir war das peinlich, ohne daß ich erklären konnte, warum. „Hey, gehst du mit aus zum Essen?“ lud er mich ein. „Nein, nein! Kümmere du dich um deinen Besuch. Ihr habt euch sicherlich viel zu erzählen. Da störe ich nur“, antwortete ich ein wenig hastig. Ich freute mich allerdings riesig über seine Einladung. Seine Bekannten versicherten mir, daß ich ruhig mitkommen solle, sie würden mich gerne dabei haben und kennenlernen. Dann könnten sich die beiden Männer in ihrer Landessprache unterhalten, und seine Freundin hätte auch jemanden zum Reden. Da ließ ich mich kein zweites Mal bitten, zumal ich Mike so sehr ins Herz geschlossen hatte, daß ich am liebsten jede freie Minute mit ihm verbracht hätte. Es wurde ein lustige Runde. Ich bereute es nicht, dieser Einladung gefolgt zu sein. Die beiden Menschen waren mir vom ersten Augenblick an sehr sympathisch. Sie waren humorvoll, und wir waren alle bester Stimmung. Die Stunden flogen viel zu schnell dahin.

Nachdem seine Freunde die lange Heimfahrt angetreten hatten, gingen Mike und ich noch einmal um den Teich. Er machte einen glücklichen Eindruck. Es hat ihm sehr gut getan, seinen Freund zu treffen, denn er hatte bereits vier Wochen keinen Besuch mehr gehabt. Für seine Frau und die Kinder war der Weg wohl zu weit. Anschließend gingen wir in die kleine Kneipe gleich gegenüber der Klinik. Der Kneipenwirt war ein Oldiefan, und so lief eine alte Scheibe nach der anderen. Mike übersetzte mir die Songs. Er verblüffte mich immer wieder mit seinen Sprachkenntnissen. Insgesamt beherrschte er wohl vier oder fünf Sprachen perfekt. Das war zumindestmein Eindruck. Fast hätten wir die Zeit und die Welt um uns herum vergessen. Viel zu spät machten wir uns auf den Weg zurück in die Klinik.

Am nächsten Morgen gingen wir zusammen in das Bistro nahe der Klinik. Wir tranken Capuccino und lachten viel. Viel zu schnell kam die Mittagszeit. Am liebsten wäre ich nie wieder von dort weggegangen. Nach dem Essen setzte ich mich auf den Balkon. Ich hatte Angst, aufdringlich zu erscheinen, wenn ich mich schon wieder mit Mike verabreden würde. Doch als Mike zu mir herauskam, brauchte er keine zehn Minuten, um mich zu überreden, doch mit ihm in die Stadt zu gehen. Diesmal lenkte er das Gespräch auf meine Ehe. Ich erzählte ihm von meinen Schwierigkeiten und von der großen Eifersucht meines Mannes, ohne irgend etwas zu beschönigen, auch nicht mein falsches Verhalten in vielen Situationen. Während des Gesprächs wurde ich manchmal laut und heftig, doch er lächelte nur.

Ich konnte sein, wie ich wollte, mal lustig, mal traurig, deprimiert oder wütend, er war nicht aus der Fassung zu bringen. Er brachte mich oft zum Lachen, und ich vergass meinen Ärger oder Kummer, denn dann wurde über andere Dinge geredet. Ich merkte erst, wieviel Zeit vergangen war, als er mich am Arm nahm und sagte: „Komm, wir müssen zurück zur geliebten >Ballerburg